Über das Dorf
Überblick
belegtDiese Heimatgemeinschaft führt drei eng verbundene Orte im Irtyschski-Rajon (Oblast Pawlodar, Kasachstan) zusammen: das deutsche, lutherische Dorf Nowo-Iwanowka mit der Siedlung Telman und dem Kollektiv „Roter Fahne" sowie das benachbarte Dorf Grabowo. „Telman" und „Roter Fahne" sind keine Gründungsnamen, sondern Namen aus der Sowjetzeit (Kollektivwirtschaften der 1930er Jahre, „Roter Fahne" russisch „Krasnoje Snamja"; „im. Telmana" nach Ernst Thälmann). Verbunden wurden die Orte endgültig 1961, als sie zum Sowchos „Nowoiwanowski" mit der Zentrale in Grabowo zusammengelegt wurden. Während Nowo-Iwanowka und Telman von Schwarzmeerdeutschen gegründet wurden, war Grabowo eine ukrainische Gründung — durch den gemeinsamen Sowchos, die gemeinsame Verwaltung und das gemeinsame Schicksal von Deportation und Ausreise gehören sie heute als eine Heimatgemeinschaft zusammen.
Wo es lag
von der Gemeinschaft ergänztDie Dörfer lagen am linken Ufer des Irtysch, am See Schalauly, rund 175 bis 220 km nordwestlich von Pawlodar, und bildeten die Nowo-Iwanowsker (auch Grabowsker) Wolost. Von den drei Orten besteht heute nur Grabowo weiter — seit 1996 unter dem kasachischen Namen Kossagasch (Қосағаш). Die Siedlungen Telman, Roter Fahne und das Dorf Nowo-Iwanowka bestehen nicht mehr.
Gründung & Besiedlung
belegtDie Orte haben zwei verschiedene Gründungsgeschichten, die sich später verbanden. Das deutsche, lutherische Dorf Nowo-Iwanowka und seine Nachbardörfer wurden um 1906 bis 1909 in der Steppe am See Schalauly gegründet. Nach der archivgestützten Darstellung von Julia Podoprigora kamen die Siedler überwiegend aus den Schwarzmeer-Gouvernements Taurien und Jekaterinoslaw (Gründungsjahre: Nowo-Iwanowka 1906, Wladimirowka 1907, Tichonowka, Lubomirowka und Priwetny 1908, Awwakumowka 1909). Das deckt sich mit Familienüberlieferungen über eine Ankunft 1907. Die Dörfer trugen Nummern als Landparzellen: Tichonowka Nr. 1, Lubomirowka Nr. 2, Nowo-Iwanowka Nr. 3, Nikitinskoje Nr. 4, Priwetnoje Nr. 5, Wladimirowka Nr. 6, Wassiljewski Nr. 7; Awwakumowka trug den Flurnamen Tschebundy. Nowo-Iwanowka war Sitz der lutherischen Pfarrei (seit 1914). Die Nowo-Iwanowsker Wolost zählte 1926 rund 8.447 Einwohner, davon 1.686 Deutsche. (Das Ortslexikon Diesendorf datiert dieselben Dörfer abweichend auf 1910–1912 und nennt die Wolga als Herkunft; die Archivquelle und die belegten Familien sprechen für Taurien/Jekaterinoslaw und die frühere Gründung.) Grabowo dagegen war keine deutsche Gründung. Es entstand 1908/1909 (die Quellen schwanken) und wurde von ukrainischen Siedlern aus dem Dorf Grabowo im Gouvernement Jekaterinoslaw gegründet; überliefert sind die Familien Tyschtschenko, Martynzow und Katschura. 1926 lebten im Dorf Grabowo nur drei deutsche Haushalte. Bemerkenswert ist die geografische Nähe der Herkunft: Die deutschen Siedler kamen aus Taurien und Jekaterinoslaw, die ukrainischen Gründer Grabowos ebenfalls aus Jekaterinoslaw — alle aus dem Dnjepr-Raum im Süden des Russischen Reiches.
Sowjetzeit & Name
belegtIn den 1930er Jahren erhielten die Dörfer und ihre Wirtschaften sowjetische Namen: der Kolchos „Roter Fahne" (Krasnoje Snamja) im Dorf Telman, der Kolchos „im. Telmana" in Nowo-Iwanowka, der Kolchos „im. Lenina" in Grabowo. Grabowo war zugleich Zentrum der Wolost, Standort der Nowoiwanowsker Maschinen-Traktoren-Station (MTS) und Sitz der Dorfsowjets. 1961 wurden die Wirtschaften zum Sowchos „Nowoiwanowski" mit Zentrale in Grabowo zusammengelegt. Laut Archivauskunft hatte der Sowchos vier Abteilungen: 1. Abteilung — Kolchos „im. Lenina" (Grabowo); 2. Abteilung — die frühere 4. Farm des Sowchos „Panfilowski"; 3. Abteilung — der frühere Kolchos „Roter Fahne" (Dorf Telman); 4. Abteilung — der Kolchos „im. Telmana", zentrale Usadba (Dorf Nowo-Iwanowka). Damit waren alle drei Dörfer dieser Heimatgruppe in einem Betrieb vereint.
Deportation 1941
belegtDer erste Deportationszug nach dem Erlass vom 28. August 1941 erreichte den Irtyschski-Rajon: Echelon Nr. 784 traf am 18. September 1941 mit 489 Familien (2.312 Personen) ein; bis 25. November 1941 lebten im Rajon 4.312 deutsche Sondersiedler. Es folgten Trudarmee und Sonderkommandantur; die Aufsicht endete erst mit dem Erlass vom 13. Dezember 1955 — ohne Rückkehrrecht und ohne Rückgabe des Eigentums. Durch die Deportation kamen auch nach Grabowo Deutsche: 1945/46 entstand dort eine deutschsprachige Pfingstgemeinde (unter W. I. Reimer); Ende der 1950er Jahre gründeten aus der Ukraine deportierte Krimdeutsche in Grabowo eine weitere Pfingstgemeinde, deren Gottesdienstsprache bis Ende der 1980er Jahre Deutsch blieb. So mischten sich die alteingesessenen Schwarzmeer-Lutheraner mit deportierten Wolga- und Krimdeutschen.
Leben im Dorf
belegtHinter den Dörfern stehen Familien, die sich aus Archiv- und Gedenkverzeichnissen belegen lassen. Die meisten namentlich belegten Familien stammten aus dem Schwarzmeergebiet (Taurien, Jekaterinoslaw): - Familie Saam: Adolf Saam, geboren 1873 in Altnassau (Taurien), Kolchosbauer im „Roter Fahne" in Nowo-Iwanowka; 1937 verhaftet, 1938 erschossen, 1965 rehabilitiert. - Familie Denzel: Jakob Denzel, Veterinär im „im. Telmana", geboren 1901 in Altmontal (Taurien); 1938 erschossen. - Familie Zibart: Andrei Zibart, geboren 1918 in Nowo-Iwanowka. - Familie Sajez: Gustav Sajez, geboren 1920 in Lubomirowka; zehn Jahre Lager, 1992 rehabilitiert. - Einzelne wolgadeutsche Familien: Familie Rudi (geboren 1915 in der Wolgakolonie Pobotschnoje, lebte in Telman; 1943 verurteilt, 1990 rehabilitiert); die Familie Gennig (Henning) soll 1915 in Awwakumowka gelebt haben (Name wolgadeutsch, Raum Marxstadt; Einzelbeleg offen, daher unklar). - In Grabowo namentlich belegt: Matilda Dümmler, geboren 1927 in Grabowo, Sondersiedlung 1946–1954, 1997 rehabilitiert. Familie Reich ist im Kolchos „im. Telmana" belegt (Mitglied geboren 1895; der Herkunftsort Grünenthal/Taurien stammt aus einer Memorial-Liste und ist in Podoprigora nicht bestätigt — daher unklar). Trotz aller Repressionen waren die Russlanddeutschen dieser Gegend als fleißige Landwirte anerkannt. Im selben Irtyschski-Rajon erzielten deutsche Bauern beachtete Erfolge: Brigadeleiter Alexander Müller (Sowchos im. Puschkin, Artjomowka) fuhr eine Rekordernte von fast 32 Zentner je Hektar ein und erhielt den Lenin-Orden und den Orden des Roten Banners der Arbeit; auch R. I. Schneider (Sowchos im. Abay, Golubowka) trug den Lenin-Orden. Aus der Heimatgruppe und ihrer näheren Umgebung gingen auch überregional bekannte Persönlichkeiten hervor. Aus Grabowo stammt Iwan Skljarow (geboren 1920), Kampfflieger und Held der Sowjetunion (1942), sowie der Schauspieler Iwan Tschistjakow, Verdienter Künstler der Kasachischen SSR (1978). Aus dem benachbarten Panfilowo stammt German Gref (geboren 1964), Sohn 1941 deportierter Russlanddeutscher, später russischer Wirtschaftsminister (2000–2007) und Vorstandschef der Sberbank. Aus Korniliwka kamen die Helden der Sowjetunion Iwan Kuturga und Alexej Gorobez. Weitere Familiennamen sind in der Erinnerungsgemeinschaft (u. a. in der OK-Gruppe „Telman, Roter Fahne") überliefert und sollen hier nach und nach ergänzt werden.
Heute
belegtMit dem Ende der Sowjetunion kehrte ein Großteil der Nachfahren nach Deutschland zurück (Aufnahmegesetz für Aussiedler ab 1. Juli 1990, Spätaussiedlerstatus ab 1. Januar 1993). In dieselbe Umbruchzeit fiel die Rückkehr ethnischer Kasachen (Oralman), unter anderem aus der Mongolei. Die ausgereisten Familien folgten dem allgemeinen Weg der Spätaussiedler: Erstaufnahme im Lager Friedland, dann Verteilung über den Königsteiner Schlüssel — mit Schwerpunkten in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Bayern. Die Siedlungen Telman, Roter Fahne und das Dorf Nowo-Iwanowka wurden in den späten 1990er Jahren bis um 2000 verlassen und aufgelöst. Nur Grabowo besteht weiter: Es wurde 1996 in Kossagasch (Қосағаш) umbenannt, ist heute Zentrum des Kossagasch-Dorfbezirks (rund 831 Einwohner, 2009) und überwiegend kasachisch geprägt; 2004 wurde dort eine Moschee gebaut. Die Geschichte dieser Dörfer ist nicht vergessen: Die Historikerin Julia Podoprigora hat sie 2010 in ihrem Buch „Deutsche in der Pawlodar-Irtysch-Region" (russisch „Немцы Павлодарского Прииртышья") wissenschaftlich aufgearbeitet. Geblieben sind vor allem die Menschen — heute überwiegend in Deutschland — und ihre Namen, Fotos und Geschichten.
Quellen & Stand
- Pavlodarica-Wiki — Kossagasch (Grabowo, Sowchosstruktur, Gründerfamilien) ↗
- Enzyklopädie der Russlanddeutschen — Art. 540 ↗
- Ortslexikon „Die Deutschen Russlands. Siedlungen und Siedlungsgebiete" (S. Diesendorf) ↗
- Podoprigora, „Немцы Павлодарского Прииртышья" (2010), Volltext-PDF ↗
- Toponymie des Irtyschski-Rajons (Sowchosstruktur + Auszeichnungen Müller/Schneider) ↗
- Staatsarchiv des Gebiets Pawlodar — Aus der Geschichte der Deutschen des Pawlodarer Irtyschgebiets ↗
- Erlass vom 13. Dezember 1955 (Aufhebung der Kommandantur) ↗
- Offene Liste — Adolf Saam (1873) ↗
- Offene Liste — Jakob Denzel (1901) ↗
- Offene Liste — Gustav Sajez (1920) ↗
- Offene Liste — Matilda Dümmler (1927) ↗
- Forum „Geschichte der Wolgadeutschen" — Familie Rudi ↗
- Iwan Skljarow — Held der Sowjetunion (geb. Grabowo) ↗
- German Gref (geb. Panfilowo, Irtyschski-Rajon) ↗
- Pavlodarica-Wiki — Panfilowo (Helden Kuturga/Gorobez) ↗
- OK-Gruppe „Telman, Roter Fahne" ↗
- bpb — (Spät-)Aussiedler, Zahlen und Fakten ↗
- Bundesverwaltungsamt — Aufnahme/Verteilung Spätaussiedler (Friedland, Königsteiner Schlüssel) ↗
- Oralman (Rückkehr ethnischer Kasachen) ↗
- Podoprigora: „Deutsche in der Pawlodar-Irtysch-Region" (2010) ↗
Stand: Juni 2026
