Herkunft und Wanderwege der Russlanddeutschen
Als Russlanddeutsche werden die Nachkommen jener Auswanderer bezeichnet, die zwischen der Mitte des 18. und dem Ende des 19. Jahrhunderts aus den deutschen Ländern in das Russische Reich zogen. Sie kamen nicht als geschlossene Gruppe, sondern in mehreren Wellen, aus unterschiedlichen Herkunftsräumen und mit verschiedenen Beweggründen. Aus diesen Wanderungen gingen eigenständige Siedlungslandschaften hervor: an der Wolga, am Schwarzen Meer, auf der Krim, in Bessarabien, in Wolhynien und im Kaukasus sowie die mennonitischen Kolonien.
Überblick
Entscheidend für die ersten großen Auswanderungen waren die Einladungsmanifeste der russischen Herrscher. Katharina II. warb 1763 um Siedler für das dünn besiedelte Wolgagebiet, Alexander I. ab 1804 für die neu gewonnenen Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres. Beide sicherten den Kolonisten weitreichende Vorrechte zu: zugeteiltes Land, Befreiung von Steuern auf bestimmte Zeit, eigene Verwaltung, freie Religionsausübung und zunächst die Befreiung vom Militärdienst. Diese Zusagen trafen in den deutschen Ländern auf wirtschaftliche Not, Überbevölkerung und die Folgen der Kriege und führten zu einer anhaltenden Auswanderungsbewegung.
Wie groß diese Bewegung wurde, zeigen die Zahlen: Bei der russischen Volkszählung von 1897 gaben rund 1,79 Millionen Menschen Deutsch als Muttersprache an – etwa 1,4 Prozent der Reichsbevölkerung, davon rund 390.000 an der Wolga und etwa 342.000 in Südrussland. Bis 1914 wuchs die Zahl der Deutschen im Zarenreich auf geschätzt 2,4 Millionen; aus gut 300 Mutterkolonien waren über 3.000 Tochterkolonien hervorgegangen.
Warum sie gingen
Hinter jeder Wanderungswelle standen handfeste Gründe – auf beiden Seiten. In den deutschen Ländern drückten nach dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763) Verwüstung, Steuerlast und Schulden besonders auf Hessen und die Nachbargebiete. Im Südwesten zersplitterte die Realteilung die Höfe von Generation zu Generation, bis das Land die Familien nicht mehr ernährte. Die napoleonischen Kriege brachten Einquartierungen, Aushebungen und neue Abgaben. Und 1816 – nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora – fiel das „Jahr ohne Sommer" mit Missernten und Hunger über Württemberg und Baden her; als das Königreich Württemberg 1816 sein Auswanderungsverbot aufhob, erreichte die Auswanderung 1817 ihren Höhepunkt. Dazu kamen religiöse Beweggründe: Pietisten, Separatisten und Mennoniten suchten Orte, an denen sie nach ihrem Glauben leben konnten. Auf der anderen Seite warben russische Werbebüros und private Anwerber – die „Vokateure" – aktiv um Siedler und versprachen Land, Freiheit und eine bessere Zukunft.
Die Reise
Die Auswanderung war ein gewaltiges Unterfangen. Für die Wolga-Auswanderer der 1760er Jahre begann sie an Sammelplätzen wie Büdingen in der Wetterau oder Roßlau an der Elbe: Weil Russland verheiratete Siedler wollte, wurden allein in der Büdinger Marienkirche zwischen Februar und Juli 1766 ganze 375 Auswanderer-Paare getraut. Von dort ging es nach Lübeck, per Schiff über die Ostsee nach Kronstadt und Oranienbaum bei Sankt Petersburg – wo die Kolonisten den Eid auf die Krone ablegten – und schließlich zu Land oder über die Flüsse hinunter nach Saratow. Die ganze Reise dauerte oft Monate, manchmal ein Jahr, und forderte einen hohen Preis: Von 26.676 in Oranienbaum abgefertigten Menschen starben 3.293 – jeder Achte – noch unterwegs.
Die Schwarzmeer-Auswanderer der Jahre nach 1803 nahmen andere Wege: entweder die Donau hinab – ab Ulm auf den berühmten „Ulmer Schachteln" bis Galatz und weiter nach Odessa – oder den Landweg über Böhmen, Schlesien und Galizien zur russischen Grenzstation Radziwilow. Allein 1808/09 stellte das russische Generalkonsulat in Frankfurt Pässe für rund 11.000 Kolonisten aus.
Wolgadeutsche
Die Wolgadeutschen bilden die älteste und eine der größten Gruppen. Nach dem Manifest Katharinas II. von 1763 zogen vor allem zwischen 1764 und 1767 rund 30.000 Menschen – allein aus dem hessischen Raum etwa 8.000 Familien – aus Hessen, der Pfalz, dem Rheinland und benachbarten Gebieten an die untere Wolga. 23.216 von ihnen wurden zwischen 1764 und 1771 in 104 Mutterkolonien beiderseits des Stroms um die Stadt Saratow angesiedelt, getrennt in die hügelige Bergseite und die flache Wiesenseite; die erste Kolonie, Dobrinka, wurde am 29. Juni 1764 gegründet. Hauptantrieb waren wirtschaftliche Not nach dem Siebenjährigen Krieg sowie die zugesagten Vorrechte – kräftig nachgeholfen haben private Anwerber wie Baron de Beauregard, der allein rund 2.000 Kolonisten anwarb.
Schwarzmeerdeutsche
Mit dem Ansiedlungs-Ukas Alexanders I. vom 20. Februar 1804 begann die planmäßige Besiedlung der Steppen nördlich des Schwarzen Meeres – diesmal selektiv: Zugelassen waren nur noch „gute und vermögende" Landwirte und Dorfhandwerker mit einem Vermögensnachweis von 300 Gulden, höchstens 200 Familien pro Jahr. Vor allem zwischen 1803 und 1824 kamen Familien aus Baden, Württemberg, dem Elsass, der Pfalz und dem Rheinland in die Region um Odessa; der 17. Oktober 1803 gilt als Gründungstag der Odessaer Kolonien. In den Bezirken Großliebental, Kutschurgan, Glückstal und Beresan entstanden 1804–1817 dreiunddreißig Mutterkolonien. Die napoleonischen Kriege und die Aussicht auf eigenes Land bildeten den Hintergrund dieser Wanderung.
Krimdeutsche
Auf die Halbinsel Krim kamen deutsche Siedler ab etwa 1805, verstärkt jedoch erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein Teil zog unmittelbar aus südwestdeutschen Gebieten zu, ein anderer Teil wanderte aus den älteren Schwarzmeerkolonien weiter, weil dort das Land für die nachwachsenden Generationen knapp wurde. Die Kolonien lagen vor allem in den Bezirken um Simferopol, Perekop und Feodossija.
Bessarabiendeutsche
Nach der Angliederung Bessarabiens an Russland 1812 lud Alexander I. mit seinem Aufruf vom 29. November 1813 auch für dieses Gebiet zwischen Pruth und Dnjestr Siedler ein – mit teils „auf ewig" zugesagten Privilegien und rund 60 Desjatinen Land je Familie. Zwischen 1814 und 1842 kamen etwa 9.000 Einwanderer: Familien aus Württemberg und der Pfalz sowie die „Warschauer Kolonisten" aus dem Herzogtum Warschau. Neben wirtschaftlichen Gründen spielten religiöse Beweggründe pietistischer Gruppen eine Rolle. Es entstanden 24 bis 25 Mutterkolonien – die ersten 1814: Tarutino, Borodino und Krasna, später auch Sarata und Klöstitz.
Wolhyniendeutsche
Die Besiedlung Wolhyniens im Nordwesten der heutigen Ukraine verlief anders als die der älteren Kolonistengebiete. Sie setzte ab 1816 ein und erreichte ihren Schwerpunkt in den 1860er bis 1880er Jahren. Die Siedler kamen überwiegend aus Kongresspolen, Preußen und Schlesien. Anlass war die Nachfrage nach Pächtern und Rodungsbauern, besonders nach dem Aufstand von 1863. Anders als an der Wolga oder am Schwarzen Meer entstanden keine geschlossenen Kolonien mit Sonderrechten, sondern eine weit verstreute Streusiedlung um Schitomir, Luzk und Rowno.
Kaukasiendeutsche
Eine kleinere, religiös geprägte Gruppe zog zwischen 1817 und 1819 in den Südkaukasus. Es handelte sich überwiegend um pietistische Auswanderer aus Württemberg – Chiliasten in Endzeiterwartung, die dem Nahen Osten entgegenziehen wollten. 1817 verließen neun Transporte mit 5.508 Menschen (963 Familien) Ulm donauabwärts; 2.629 von ihnen zogen bis nach Georgien weiter, während ein Teil unterwegs blieb und 1817 Teplitz in Bessarabien gründete. Mit Erlaubnis der russischen Behörden ließen sich die Ankömmlinge in Transkaukasien bei Tiflis nieder – ab dem 21. September 1817 entstanden Kolonien wie Marienfeld, Katharinenfeld, Elisabethtal und 1819 Helenendorf.
Mennoniten
Die Mennoniten kamen aus dem Gebiet der Weichselmündung um Danzig und Westpreußen, nachdem Preußen Landerwerb nur noch gegen den Verzicht auf die Wehrdienstfreiheit erlaubte. Eine erste Gruppe gründete 1789 die Kolonie Chortitza am Dnjepr – bis 1797 elf Dörfer, in die 1787–1796 insgesamt 423 Familien mit rund 2.000 Menschen zogen. Ab 1803/1804 folgte die größere Kolonie Molotschna nördlich des Asowschen Meeres, zunächst mit 342 Familien aus dem Raum Elbing und Marienburg. Entscheidend waren die Zusage der Religionsfreiheit, „ewige" Befreiung vom Wehrdienst und 65 Desjatinen Land je Hof. Die mennonitischen Kolonien entwickelten ein eigenständiges kirchliches und wirtschaftliches Leben und gelten als besonders gut dokumentierte Siedlungsgruppe.
Sibirien und Kasachstan
Eine letzte große Wanderung innerhalb des Reichs begann, als in den alten Kolonien das Land knapp wurde: Ab den 1890er Jahren gründeten Tochtergenerationen der Wolga- und Schwarzmeerkolonisten hunderte neuer Dörfer in Westsibirien, am Altai und in den Steppen Nordkasachstans. Anders als die früheren Wellen war dies eine Binnenwanderung – kaum jemand kam noch direkt aus Deutschland. Diese Gebiete sollten im 20. Jahrhundert auf bittere Weise zum Lebensmittelpunkt der meisten Russlanddeutschen werden.
Das Ende der Privilegien
1871 hob die russische Regierung die besonderen Kolonistengesetze auf, 1874 folgte die allgemeine Wehrpflicht – die „ewigen" Zusagen der Manifeste waren damit Geschichte. Für viele Familien wurde das zum Anstoß für die nächste Wanderung: Allein zwischen 1873 und 1883 zogen rund 18.000 Mennoniten weiter nach Kanada und in die USA, und auch aus den Wolga- und Schwarzmeerkolonien begann die Auswanderung nach Nord- und Südamerika.
Verfolgung, Deportation und Verbannung (1914–1955)
Im Ersten Weltkrieg galten die Russlanddeutschen der zarischen Regierung plötzlich als „innerer Feind": Es kam zu Enteignungen und ersten Deportationen. Nach Revolution, Bürgerkrieg und der Hungersnot von 1921/22 verließen rund 120.000 Russlanddeutsche das Land Richtung Deutschland und Amerika. 1924 entstand an der Wolga die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen – eine kurze Phase der Selbstverwaltung, der in den 1930er Jahren Kollektivierung, Verfolgung und der Große Terror von 1937/38 folgten.
Die größte erzwungene Wanderung begann mit dem Deportationserlass vom 28. August 1941: Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurden die Russlanddeutschen pauschal der Kollaboration verdächtigt und nach Sibirien und Kasachstan deportiert; die Wolgarepublik wurde aufgelöst. Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt rund 900.000 Deportierte, das Bayerische Kulturzentrum der Deutschen aus Russland für die betroffenen Gebiete 794.000 – die Spanne erklärt sich durch unterschiedliche Gebietsabgrenzungen, nicht durch einen Widerspruch in der Sache. Es folgten Zwangsarbeit in der „Arbeitsarmee" und das Leben unter Kommandanturaufsicht in der Sondersiedlung, das erst 1955 endete. Nach Schätzungen (Viktor Krieger) kostete dieses Unrecht mindestens 150.000 Menschen das Leben.
Die Rückkehr: Aussiedlung nach Deutschland
Der Kreis der Wanderung schloss sich erst Generationen später. Ab den 1970er Jahren ermöglichte die Familienzusammenführung erste größere Ausreisen in die Bundesrepublik; mit Perestroika ab 1987 und nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde daraus eine Massenbewegung: Zwischen 1987 und 2018 kamen rund 2,4 Millionen Menschen aus der Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten nach Deutschland – insgesamt zählt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seit 1950 knapp 4,5 Millionen Aussiedler und Spätaussiedler. Rechtliche Grundlagen waren das Bundesvertriebenengesetz von 1953, das Aussiedleraufnahmegesetz vom 1. Juli 1990 und die Neuordnung von 1993, seit der grundsätzlich als Spätaussiedler anerkannt wird, wer bis Ende 1992 geboren wurde. Auf russischer Seite erkannte das Rehabilitierungsgesetz vom 26. April 1991 die Deutschen offiziell als repressiertes Volk an. Heute leben die Nachfahren der einstigen Kolonisten vor allem in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz – und tragen die Erinnerung an die Dörfer ihrer Vorfahren weiter, auch auf dieser Plattform.