
1918–1941
Die Republik an der Wolga (1918–1941)
Nach der Oktoberrevolution erhielten die Wolgadeutschen als eine der ersten Nationalitäten Sowjetrusslands eine eigene Verwaltung: Am 19. Oktober 1918 unterzeichnete Lenin das Dekret über die „Arbeitskommune (Autonomes Gebiet) der Wolgadeutschen", zusammengesetzt aus deutschen Dörfern der Gouvernements Saratow und Samara. Schon dieses Gründungsdekret sicherte den Kolonisten den Gebrauch ihrer Muttersprache in Schule, Verwaltung und Gericht zu. Anfang 1924 wurde das Gebiet zur Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik (ASSR) der Wolgadeutschen aufgewertet — proklamiert vom Rätekongress am 6. Januar, bestätigt am 20. Februar 1924. Ihre Hauptstadt war Pokrowsk, das 1931 zu Ehren von Friedrich Engels in Engels umbenannt wurde. Die Republik gliederte sich in Kantone (zum 1. Januar 1941 waren es 22) und zählte rund 606.000 Einwohner, davon etwa zwei Drittel — rund 367.000 — Deutsche. Deutsch war neben Russisch Amts- und Unterrichtssprache: ein historisch einzigartiger Fall deutscher Nationalautonomie außerhalb Deutschlands.
In den zwei Jahrzehnten ihres Bestehens entstand ein dichtes deutschsprachiges Bildungs- und Kulturwesen. Die Zahl der Schulen wuchs von 327 (1922) auf über 420 (1938), die der Schüler von rund 42.000 auf über 120.000. 1929 öffnete in Engels das Deutsche Pädagogische Institut, dazu kamen ein Landwirtschaftliches Institut und zahlreiche Fachtechnika. Die Tageszeitung „Nachrichten" erschien seit 1919, ein Deutscher Staatsverlag druckte Schulbücher und Klassiker — von Shakespeares „Hamlet" bis zu Andersens Märchen —, und seit 1931 spielte ein professionelles Deutsches Staatstheater. In Engels wirkten ein Zentralmuseum, ein Rundfunkkomitee und, unter Georg Dinges, eine Forschungsstelle für die wolgadeutschen Mundarten, deren Sammlung bis heute als Wolgadeutscher Sprachatlas fortlebt.
Doch die Geschichte der Republik ist auch eine Geschichte der Katastrophen. Schon 1921/22 wurde das Wolgagebiet zum Epizentrum einer verheerenden Hungersnot: Dürre und die Zwangsablieferungen des „Kriegskommunismus" ließen die Aussaatfläche auf etwa ein Zehntel schrumpfen. Allein für 1921 registrierte die Kommune knapp 48.000 Tote — etwa jeden zehnten Deutschen —, während zehntausende flohen; die demografischen Gesamtverluste werden auf bis zu 100.000 geschätzt. Internationale Hilfe wandte das Schlimmste ab: Die American Relief Administration unter Herbert Hoover und die Nansen-Mission des Völkerbundes speisten im Sommer 1922 rund 436.000 Menschen im Gebiet — etwa neun Zehntel der Hungernden.
Ende der 1920er Jahre erfasste die Zwangskollektivierung die Republik mit besonderer Härte: Bis Mitte 1931 waren rund 95 bis 97 Prozent der Bauernwirtschaften kollektiviert, ein Spitzenwert im ganzen Land. Im Zuge der „Entkulakisierung" wurden 1930/31 etwa 4.288 Familien mit über 24.000 Menschen nach Sibirien und Kasachstan verschleppt, weit mehr als im sowjetischen Durchschnitt. Als die Bauern sich Ende 1929 in über dreißig Dörfern gegen Kollektivierung und Kirchenschließungen erhoben — die Proteste gingen oft von Frauen aus —, schlugen bewaffnete OGPU-Einheiten sie nieder.
Die zweite große Hungersnot 1932/33 war keine Naturkatastrophe mehr, sondern menschengemacht: die Folge der Kollektivierung und unerbittlicher Getreiderequirierungen, die trotz Missernte nicht gesenkt wurden. Die Zahl der Todesfälle in der Republik stieg von rund 20.000 (1932) auf über 50.000 (1933), davon etwa 45.000 als Hungertote ausgewiesen; die Einwohnerzahl sank zwischen 1930 und 1934 um fast 200.000. In Städten wie Balzer starb rund jeder achte Mensch. Spenden aus Deutschland, etwa der Aktion „Brüder in Not", brachten Hilfe — doch anders als ein Jahrzehnt zuvor wurden ihre Empfänger nun als Bezieher von „Hitler-Hilfe" verdächtigt und verfolgt.
Der Große Terror 1937/38 traf die Republik dann ins Mark. In der ASSR selbst wurden 6.698 Menschen verurteilt, 3.632 von ihnen zum Tode — eine Verfolgung etwa anderthalbmal so dicht wie im Landesdurchschnitt. Der NKWD-Befehl Nr. 00439 vom 25. Juli 1937 leitete eine landesweite „Deutsche Operation" ein, der bis Ende 1938 mindestens 55.000 Menschen zum Opfer fielen, fast 42.000 davon erschossen. Verhaftet wurden gezielt Schriftsteller und Lehrer, fast die gesamte Führung der Republik und die Geistlichen aller Konfessionen; die katholische Kirche wurde 1935, die lutherische 1936/37 zerschlagen. Der Schriftsteller Gerhard Sawatzky, der Sprachforscher Georg Dinges — die deutsche Kulturelite verschwand in Haft und Verbannung.
Das Ende kam mit dem Krieg. Am 28. August 1941 erließ das Präsidium des Obersten Sowjets den Erlass „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Rayons des Wolgagebiets wohnen". Er warf der gesamten deutschen Bevölkerung pauschal vor, „tausende und zehntausende Diversanten und Spione" zu verbergen — ein Kollektivvorwurf, der erst 1964 offiziell als unbegründet zurückgenommen wurde. Zwischen dem 3. und 20. September 1941 wurden die Wolgadeutschen in rund 188 Güterzügen nach Sibirien und Kasachstan deportiert: etwa 365.000 aus der Republik selbst, zusammen mit den Nachbargebieten Saratow und Stalingrad rund 438.000 Menschen. Bis Ende 1941 traf die Deportation landesweit zwischen 794.000 und rund 900.000 Sowjetdeutsche. Am 7. September 1941 wurde die Republik aufgelöst und ihr Gebiet zwischen den Oblasten Saratow und Stalingrad aufgeteilt. Ein Recht auf Rückkehr gab es nicht: Die Verbannung galt 1948 „für ewig", 1955 wurde das Sonderregime gelockert, die Rückkehr aber ausdrücklich verweigert; erst 1972 fielen die Wohnsitzbeschränkungen. Die Autonomie an der Wolga wurde nie wiederhergestellt.