
18.–21. Jahrhundert
Sprache und Dialekte der Russlanddeutschen
Die Kolonisten brachten kein einheitliches „Deutsch" mit, sondern einen bunten Flickenteppich von Mundarten – und aus ihm wuchs in den Kolonien etwas Neues. Wer die Sprache der Russlanddeutschen versteht, versteht auch ihre Herkunft und ihren Weg.
An der Wolga überwog ein rheinfränkisch-hessischer Kern, vermischt mit pfälzischen und schwäbischen Formen, denn die meisten Siedler kamen aus Hessen, dem Rheinland und der Pfalz. Am Schwarzen Meer saßen vor allem Südwestdeutsche aus dem Elsass, aus Baden und der Pfalz – Dorfnamen wie Straßburg, Landau oder Speyer erinnern daran. Im Kaukasus prägten schwäbische Pietisten aus Württemberg die Kolonien um Tiflis. Und die Mennoniten sprachen Plautdietsch, eine niederpreußische Mundart, die im 16./17. Jahrhundert im Weichseldelta entstanden war. So waren unter den Russlanddeutschen alle drei großen Zweige des Deutschen vertreten – nieder-, mittel- und oberdeutsch.
In den „Mutterkolonien" trafen die verschiedenen Herkunftsmundarten aufeinander und glichen sich über rund anderthalb Jahrhunderte zu neuen Kolonialdialekten aus; an der Wolga setzte sich meist eine südhessisch geprägte Form durch. Abgeschottet und ohne Einfluss der neuhochdeutschen Standardsprache bewahrten diese „Sprachinseln" altertümliche Wörter, die in Deutschland längst verschwunden waren – und nahmen zugleich russische Wörter auf. Ein Wolgadeutscher erzählte, er sei „uf de balnitza" (больница, Krankenhaus) gewesen und habe „mit säll wratsch" (врач, Arzt) gesprochen; später kamen Wörter wie „kolchos" und „selsowet" hinzu.
Dieser Sprachschatz wurde gerade noch rechtzeitig gesammelt. Georg Dinges, Professor in Saratow und selbst Wolgadeutscher, nahm 1925–1929 in fast allen Mutterkolonien die Mundarten auf – doch 1930 wurde er verhaftet und starb 1932 in sibirischer Verbannung; sein „Wolgadeutscher Sprachatlas" erschien erst 1997, mit 285 Karten, herausgegeben von Nina Berend. Andreas Dulson fand in einer einzigen Kolonie eine Mischung aus rund 129 Herkunftsorten. Heute bewahrt das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim ein Korpus mit Aufnahmen von 1959 bis 1989 und ein Ton-Archiv, und in Marburg liegen Hunderte der alten Erhebungsbögen.
Die Sprachpolitik drängte in die Gegenrichtung. Das Angleichungsgesetz von 1871 machte Russisch zur Amtssprache, ab 1891 wurde Russisch auch Unterrichtssprache in den Kolonieschulen. Die eine große Gegenbewegung war die Wolgarepublik (1924–1941): Dort war Deutsch Amts- und Unterrichtssprache, mit einem Staatsverlag, Zeitungen, Theater und Hochschulen. Außerhalb der Republik aber wurden die deutschen Schulen schon 1937/38 aufgelöst.
Die Deportation von 1941 zerriss dann die Sprachgemeinschaften. In der Sondersiedlung wich das Deutsche aus Arbeit und Öffentlichkeit ins Private zurück; ein deutsches Schulwesen kehrte nie wieder. Der Anteil der Sowjetdeutschen mit deutscher Muttersprache fiel von 94,9 Prozent (1926) auf 48,7 Prozent (1989). Heute sind die alten Wolgadialekte fast erloschen und werden nur noch von der älteren Generation gesprochen; bei den Aussiedlern in Deutschland weicht die Inselmundart dem Hochdeutschen.
Ein Zweig aber lebt weiter – und wächst sogar. Das Plautdietsch der Mennoniten sprechen heute mehrere Hunderttausend Menschen (Schätzungen reichen von rund 300.000 bis 500.000) in Mexiko, Bolivien, Paraguay, Kanada und den USA, während in Russland und Sibirien nur noch wenige Tausend Sprecher leben. Was einst an der Weichsel entstand und durch die ukrainische Steppe wanderte, ist heute unter allen russlanddeutschen Mundarten diejenige mit einer lebendigen Zukunft.