Russlanddeutsche Geschichte
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Illustration: Ein Strom in der Steppe, am einen Ufer eine russische Stadt, am anderen ein deutsches Kolonistendorf.
Illustration: Ein Strom in der Steppe, am einen Ufer eine russische Stadt, am anderen ein deutsches Kolonistendorf.

12.–20. Jahrhundert

Russen und Deutsche – eine gemeinsame Geschichte

Wenn von Russlanddeutschen die Rede ist, denkt man meist an die Bauern, die Katharina die Große an Wolga und Schwarzes Meer rief. Doch die Geschichte von Russen und Deutschen ist viel älter und breiter: Seit Jahrhunderten sind beide Völker miteinander verflochten – in glänzenden wie in bitteren Kapiteln. Zwei ganz verschiedene deutsche Gruppen gehören dazu, die man auseinanderhalten muss: die bäuerlichen Kolonisten – und die städtischen und adligen Deutschen im Dienst der Zaren.

Deutsche lebten in Russland lange vor den Kolonisten. Schon im späten 12. Jahrhundert unterhielten Hansekaufleute in Nowgorod einen „Deutschen Hof". Von Iwan III. an (15. Jahrhundert) warben die Herrscher westliche Fachleute an – Handwerker, Gießer, Ärzte, Offiziere; einer der ersten namentlich bekannten deutschen Leibärzte war Nicolaus Bulow aus Lübeck, um 1490 am Hof Wassilis III. In Moskau lebten sie in der „Deutschen Vorstadt" (Nemezkaja sloboda). Wichtig: „Deutsche" (nemzy) hieß damals pauschal jeder Westeuropäer, der des Russischen nicht mächtig war – neben Deutschen also auch Niederländer, Schotten, Schweizer. Der junge Peter I. verkehrte ab 1690 in dieser Vorstadt, bei dem Schotten Patrick Gordon und dem Genfer Franz Lefort, und lernte dort westliche Technik und Kriegskunst – für den Historiker Solowjow eine „Stufe zu Petersburg".

Die Verbindung reichte bis auf den Thron. Peter III. wurde als Herzog von Holstein-Gottorp geboren; seit 1762 heißt das Herrscherhaus fachlich Holstein-Gottorp-Romanow. Seine Frau, die ihn stürzte und als Katharina die Große regierte, kam als Prinzessin Sophie von Anhalt-Zerbst zur Welt – ohne einen Tropfen russischen Blutes. Sie war die erste von sechs Kaiserinnen deutscher Herkunft; auf sie folgten Prinzessinnen aus Württemberg, Baden, Preußen und Hessen, bis hin zur letzten Zarin Alexandra, geborene Alix von Hessen-Darmstadt. Heiraten zwischen deutschen Fürstenhäusern und dem Zarenhof wurden zur Regel.

Ebenso prägten Deutsche die Institutionen des Reiches. An der 1724/25 gegründeten Petersburger Akademie der Wissenschaften waren neun der ersten dreizehn Akademiker Deutsche; bis 1800 stammten rund sechzig ihrer 111 Mitglieder aus Deutschland, dazu deutschsprachige Schweizer wie Leonhard Euler. Es waren deutsche Gelehrte – Gerhard Friedrich Müller und August Ludwig Schlözer –, die die kritische Erforschung der russischen Geschichte und ihrer Archive begründeten, während Peter Simon Pallas das Reich durchforschte. In Verwaltung und Militär waren die Deutsch-Balten stark vertreten: Burkhard von Münnich reorganisierte das Heer, Heinrich Ostermann lenkte die Außenpolitik, Barclay de Tolly befehligte 1812 gegen Napoleon, Karl von Nesselrode war fast vierzig Jahre Außenminister. Diese städtischen und adligen Deutschen waren jedoch eine ganz andere Gruppe als die Kolonisten: Nach der Volkszählung von 1897 stellten die bäuerlichen Kolonisten etwa 56 Prozent aller Deutschen im Reich, die Stadtdeutschen nur rund neun Prozent.

Die Kolonisten wiederum lebten als eigener Rechtsstand Seite an Seite mit russischen, ukrainischen und später kasachischen Nachbarn. Man handelte miteinander – die Wolgakolonien verkauften ihr Getreide über Wolga-Kaufleute –, arbeitete zusammen, schloss Mischehen und übernahm voneinander: Die Wolgadeutschen hielten Kamele nach dem Vorbild ihrer nomadischen Nachbarn, und die Sprache tauschte in beide Richtungen Wörter aus. Aus dem Deutschen kamen ins Russische Wörter wie бухгалтер (Buchhalter), шлагбаум (Schlagbaum) oder ярмарка (Jahrmarkt); umgekehrt gingen Steppe, Datscha und Mammut ins Deutsche über. Der Alltag verflocht beide Welten.

Dann schlug die Wahrnehmung um – vom geschätzten Kolonisten zum „inneren Feind". Obwohl bis zu 180.000 Russlanddeutsche in der Zarenarmee dienten, machten Panslawismus und Neid sie im Ersten Weltkrieg zu vermeintlichen Verrätern. Die „Liquidationsgesetze" von 1915 enteigneten deutsche Landbesitzer faktisch; die Wolhyniendeutschen wurden nach Sibirien deportiert (die Zahlen schwanken zwischen rund 130.000 und 240.000); im Mai 1915 zerstörte ein Pogrom in Moskau Hunderte Geschäfte mit deutsch klingenden Namen.

Im Zweiten Weltkrieg wiederholte sich die pauschale Verdächtigung. Der Deportationserlass vom 28. August 1941 warf den Wolgadeutschen kollektiv vor, „Tausende und Abertausende von Diversanten und Spionen" zu verbergen. Bis Mitte 1942 wurden rund 1,2 Millionen Deutsche – etwa 82 Prozent der Sowjetdeutschen – nach Sibirien und Zentralasien deportiert und in die „Arbeitsarmee" gezwungen, wo viele starben.

Die Rehabilitierung kam nur in Etappen: 1955 wurde die Sonderaufsicht aufgehoben – aber ohne Recht auf Rückkehr; 1964 nahm ein kaum veröffentlichter Erlass den Kollektivvorwurf als „unbegründet" zurück; erst 1972 fielen die Wohnsitzbeschränkungen. Konrad Adenauers Moskau-Reise 1955 begründete die deutsch-sowjetischen Beziehungen und brachte die letzten deutschen Kriegsgefangenen frei – der Rahmen, in dem später auch die Ausreise möglich wurde. Seit Mitte der 1980er Jahre kamen gut 2,3 Millionen russlanddeutsche Aussiedler nach Deutschland. Die gemeinsame Geschichte von Russen und Deutschen trägt so beides in sich – große und schwere Kapitel –, und die Russlanddeutschen tragen beide bis heute in ihrer Familiengeschichte.

Belege, Archive und Datenbanken zum Weiterforschen findest du unter Quellen und Archive.