Russlanddeutsche Geschichte
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Illustration: Eine Wand mit leeren Bilderrahmen — die Porträts stehen im Text, nicht im Bild.
Illustration: Eine Wand mit leeren Bilderrahmen — die Porträts stehen im Text, nicht im Bild.

18.–21. Jahrhundert

Köpfe der Russlanddeutschen

Geschichte wird von Menschen gemacht, und sie wird an Menschen sichtbar. Die großen Linien – Ansiedlung, Blüte, Verfolgung, Aussiedlung – haben ihre Spuren in einzelnen Lebensläufen hinterlassen, und umgekehrt haben Russlanddeutsche in Wissenschaft, Technik, Literatur, Kunst und Kirche Bleibendes geschaffen. Diese kleine Galerie stellt einige von ihnen vor – vom Landwirtschaftsreformer der Kolonistenzeit über den Mitbegründer der sowjetischen Raumfahrt bis zu Stars der Gegenwart. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; sie soll neugierig machen.

Wissenschaft, Technik und Forschung

Johann Cornies (1789–1848)

Der mennonitische Reformer kam 1804 aus Westpreußen in die Molotschna-Kolonien am Schwarzen Meer. Als Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Vereins führte er Aufforstung, Merino-Schafzucht, Fruchtwechsel und Musterwirtschaften ein und ordnete das Schulwesen – sein Wirken galt der Regierung als Vorbild auch für die nichtdeutschen Nachbardörfer. Er steht für die frühe Blüte der Kolonien, lange vor der Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Georg Dinges (1891–1932)

Der Dialektologe aus der Wolgakolonie Blumenfeld wurde Professor in Saratow und leitete das Zentralbüro zur Erforschung der wolgadeutschen Mundarten; zwischen 1925 und 1929 sammelte er das Material für einen Sprachatlas. 1930 wurde er von der Geheimpolizei verhaftet und starb 1932 in der sibirischen Verbannung. Sein Lebenswerk – die Rettung der Mundarten – überdauerte ihn: Der „Wolgadeutsche Sprachatlas" erschien 1997.

Andreas Dulson (1900–1973)

Auch Dulson stammte aus einer Wolgakolonie und wurde 1941 mit seiner Familie nach Tomsk verbannt, wo er bis 1954 als Sondersiedler galt. Trotzdem begründete er dort eine ganze Sprachschule: Sein Hauptwerk über das Ketische, eine indigene Sprache Sibiriens, wurde mit dem Staatspreis der UdSSR ausgezeichnet. Aus einem Verbannten wurde einer der bedeutendsten Sprachforscher des Landes.

Boris Rauschenbach (1915–2001)

Der Physiker war väterlicherseits Nachkomme wolgadeutscher Kolonisten aus Katharinenstadt. 1942 wurde er als Deutscher in die Trudarmee gezwungen – und wurde später dennoch zum Mitbegründer der sowjetischen Raumfahrt: Sein Team entwickelte die Lageregelung der Raumsonden, mit der 1959 die erste Aufnahme der Mondrückseite gelang. In den späten 1980er Jahren wurde er zu einem Wortführer der Russlanddeutschen und ihres Rufes nach Wiederherstellung der Wolgarepublik.

Iwan Wibe (1902–1969)

Der Motorenforscher stammte aus einer mennonitischen Familie in der taurischen Kolonie Libenau. 1941 wurde er deportiert und in die Trudarmee gezwungen, arbeitete im Bergbau des Kusbass – und wurde später Professor in Tscheljabinsk. Die nach ihm benannte „Wiebe-Funktion", die den Verbrennungsverlauf im Motor beschreibt, wird bis heute weltweit in der Motorenforschung verwendet.

Literatur, Kunst und öffentliches Leben

August Lonsinger (1881–1953)

Der Lehrer und Volkskundler aus der Wolgakolonie Mühlberg schrieb schon 1911 den ersten Roman über das Leben der Wolgadeutschen. Seine „Sachliche Volkskunde der Wolgadeutschen" von 1925 – über Siedlung, Haus, Nahrung und Kleidung – ist bis heute eine der wichtigsten Quellen zum ursprünglichen Alltag der Kolonisten. 1935 wurde er nach Kasachstan, 1941 nach Sibirien verbannt.

Dominik Hollmann (1899–1990)

Der Schriftsteller, Dichter und Pädagoge aus Kamyschin verfasste deutsche Lehr- und Lesebücher und wurde 1940 in den Schriftstellerverband der Wolgadeutschen Republik aufgenommen. 1942 kam er in die Trudarmee ins Lager Wjatlag, aus dem er 1944 schwerkrank entlassen wurde. Den Rest seines Lebens widmete er mit zahllosen Eingaben dem Kampf um die Rehabilitierung seines Volkes; seine Tochter Ida Bender wurde ebenfalls Schriftstellerin.

Nelly Däs (1930–2021)

Die Schwarzmeerdeutsche aus einer Kolonie bei Saporischschja floh 1943 vor der Roten Armee nach Deutschland, wo sie in Schwäbisch Gmünd eine neue Heimat fand. Sie wurde eine der erfolgreichsten russlanddeutschen Autorinnen: Bücher wie „Wölfe und Sonnenblumen" oder „Das Mädchen vom Fährhaus" (vom ZDF verfilmt) erzählen von Flucht, Verbannung und Neuanfang. Für ihr Werk erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.

Herold Belger (1934–2015)

In Engels an der Wolga geboren, wurde Belger 1941 als Kind nach Kasachstan deportiert und wuchs in einem kasachischen Dorf auf. Er wurde ein dreisprachiger Schriftsteller und Übersetzer – auf Kasachisch, Deutsch und Russisch – und eine „Brücke" zwischen den Kulturen. Sein Roman „Das Haus des Heimatlosen" erzählt von der Entrechtung der Wolgadeutschen 1941.

Alfred Schnittke (1934–1998)

Der Komponist wurde in Engels, der Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik, geboren; seine Mutter stammte aus einer wolgadeutschen Familie, sein Vater war ein deutschsprachiger Jude aus Frankfurt. Schnittke wurde zu einem der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und begründete die „Polystilistik"; er schrieb Sinfonien, Konzerte und rund siebzig Filmmusiken. Seine Familie wurde nicht deportiert – sein Bezug zu den Russlanddeutschen liegt in Herkunft und Heimatlosigkeit, die sein Werk durchzieht.

Joseph Werth (geboren 1952)

Der katholische Bischof kam in Karaganda zur Welt, als Kind deportierter Eltern – der Vater Wolgadeutscher, die Mutter aus einer Schwarzmeerkolonie, beide in der katholischen Untergrundkirche verwurzelt. 1991 wurde der Jesuit zum Apostolischen Administrator Sibiriens ernannt, seit 2002 ist er Bischof mit Sitz in Nowosibirsk. Er steht für das Überleben und Wiederaufblühen des katholischen Glaubens der Russlanddeutschen in Sibirien.

Helene Fischer (geboren 1984)

Die Sängerin wurde in eine russlanddeutsche Familie im sibirischen Krasnojarsk hineingeboren; 1988 siedelte die Familie nach Rheinland-Pfalz aus, als Helene dreieinhalb Jahre alt war. Sie wurde zur erfolgreichsten Schlagersängerin des deutschsprachigen Raums und bekennt sich öffentlich zu ihrer Herkunft – für viele ein Sinnbild gelungener Integration und der jüngeren Aussiedler-Generation.

Waldemar Anton (geboren 1996)

Der Fußball-Nationalspieler wurde als Wladimir Anton in Usbekistan geboren; 1998 kam die russlanddeutsche Familie nach Hannover, und aus Wladimir wurde Waldemar. Als Innenverteidiger spielte er für den VfB Stuttgart und wechselte 2024 zu Borussia Dortmund. Er steht für die junge Generation, deren Bezug zur Geschichte in der Aussiedlung der Eltern liegt.

Belege, Archive und Datenbanken zum Weiterforschen findest du unter Quellen und Archive.