Russlanddeutsche Geschichte
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Illustration: Eine ruhige deutsche Kleinstadtstraße am Sommerabend mit Vorgärten und Schrebergärten.
Illustration: Eine ruhige deutsche Kleinstadtstraße am Sommerabend mit Vorgärten und Schrebergärten.

seit 1987

Gegenwart und Identität in Deutschland

Die Geschichte der Russlanddeutschen endet nicht in Sibirien. Ihr vorläufig letztes großes Kapitel spielt in Deutschland, wohin die meisten von ihnen seit dem Ende der Sowjetunion zurückgekehrt sind – in ein Land, das ihre Vorfahren teils vor mehr als zweihundert Jahren verlassen hatten. Rechtlich sind sie „Spätaussiedler": deutsche Volkszugehörige aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die im Aufnahmeverfahren des Bundesverwaltungsamts einreisen und nach dem Grundgesetz Deutsche sind.

Lange war die Ausreise fast unmöglich. Von 1950 bis 1987 kamen nur rund 110.000 Aussiedler aus der Sowjetunion. Erst mit der Perestroika und dem Fall des Eisernen Vorhangs öffneten sich die Tore: Ab 1987 schwoll der Zuzug sprunghaft an, 1990 erreichte er über alle Herkunftsländer hinweg mit rund 397.000 Menschen seinen Höchststand, und Anfang bis Mitte der 1990er Jahre kamen Jahr für Jahr Hunderttausende. Insgesamt nahm die Bundesrepublik seit 1950 etwa 2,3 bis 2,4 Millionen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion auf, die meisten aus Kasachstan und Russland.

Seit 1996 ein Sprachtest im Herkunftsland eingeführt wurde und das Zuwanderungsgesetz von 2005 auch von den mitreisenden Angehörigen Deutschkenntnisse verlangte, sind die Zahlen stark gesunken – heute kommen nur noch wenige Tausend im Jahr. Wie viele Russlanddeutsche insgesamt in Deutschland leben, hängt von der Zählweise ab: Meist nennt man rund 2,4 bis 2,5 Millionen Zugewanderte, rechnet man die in Deutschland geborene zweite Generation hinzu, sind es bis zu etwa 3,5 Millionen. Damit sind die Russlanddeutschen eine der größten Zuwanderergruppen des Landes.

Verteilt wurden die Neuankömmlinge nach einem festen Schlüssel auf die Bundesländer; die meisten leben heute in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Ihre Eingliederung gilt insgesamt als gelungen: Erwerbsbeteiligung und Bildungsniveau liegen im Bereich des Durchschnitts, und die Gruppe identifiziert sich stark mit Deutschland. Zugleich vollzieht sich ein rascher Sprachwandel – viele der jüngeren Generation sprechen kaum noch Russisch, weil in den Familien das Deutsche in den Vordergrund trat.

Und doch ist die Ankunft mit einer eigentümlichen Erfahrung verbunden, die viele teilen: In der Sowjetunion galten sie als „die Deutschen" – oft beschimpft als „Faschisten" –, in Deutschland gelten sie nun als „die Russen". Diese doppelte Fremdheit, das Gefühl, nirgends ganz dazuzugehören, ist ein Kernmotiv russlanddeutscher Identität. Gerade deshalb ist die Erinnerung an die eigene Geschichte so wichtig – und dabei helfen eigene Einrichtungen: die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, 1950 gegründet, das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold und das Bayerische Kulturzentrum der Deutschen aus Russland in Nürnberg. Der 28. August, der Tag des Deportationserlasses von 1941, ist ihr zentraler Gedenktag geblieben.

Über die Russlanddeutschen kursieren auch Vorurteile. Das seit einigen Jahren verbreitete Bild einer besonderen Nähe zu populistischen Parteien hält der Forschung nicht stand: Bei der Bundestagswahl 2017 wählten sie ungefähr im Bundesdurchschnitt, ihr Wahlverhalten ist so vielfältig wie das der übrigen Bevölkerung. Sicher ist dagegen, dass viele von ihnen still und erfolgreich beitragen – in Handwerk und Wirtschaft, in Wissenschaft und Kultur, bis hin zu prominenten Namen wie der Sängerin Helene Fischer.

Am deutlichsten zeigt sich der Wandel bei den Jungen. Eine Generation, die in Deutschland aufgewachsen ist, entdeckt die Herkunft ihrer Eltern und Großeltern neu – nicht mehr als Makel, den man verbirgt, sondern als Teil einer eigenen, selbstbewussten Geschichte. Sie leben zwischen zwei Kulturen und machen daraus eine Stärke. Für sie – und für alle, die ihre Wurzeln bewahren wollen – ist eine Gemeinschaft wie diese gedacht: ein Ort, an dem die Geschichte der Russlanddeutschen nicht verloren geht.

Belege, Archive und Datenbanken zum Weiterforschen findest du unter Quellen und Archive.