
1764–1914
Alltag und Kultur in den Kolonien
Wer eine deutsche Kolonie an der Wolga betrat, sah schon an der Anlage, dass hier nichts dem Zufall überlassen war. Die Dörfer wurden nach einem einheitlichen Plan angelegt: zwei oder drei breite, schnurgerade Hauptstraßen, alle vier bis fünf Höfe von Quergassen durchschnitten, die das Dorf in rechteckige Quartiere teilten. Jede Familie erhielt ihr Land zur dauerhaften Nutzung als einen ungeteilten Hof – an der Wolga anfangs etwa dreißig Deßjatinen, im Süden das Doppelte. Der Hof durfte unter den Erben nicht aufgeteilt werden, und gerade diese Unteilbarkeit trieb mit jeder Generation die Nachgeborenen fort: Wo das Land knapp wurde, gründeten die Söhne neue „Tochterkolonien" in der Steppe.
Gearbeitet wurde nach der Dreifelderwirtschaft, und die Kolonisten brachten Geräte mit, die im russischen Umland damals kaum in Gebrauch waren – den eisernen Pflug, die Sense, die hölzerne Dreschmaschine. Das Rückgrat war der Weizen, darunter der harte „Beloturka", der sich für den Verkauf eignete; mit besseren Sorten und besserem Gerät galten die Deutschen als produktiver als ihre Nachbarn. Ab den 1770er Jahren stieg der Tabak zur zweitwichtigsten Feldfrucht auf, und über die Kolonisten verbreiteten sich Kartoffel, Senf und später die Sonnenblume. Zum Musterort wurde die Herrnhuter Kolonie Sarepta bei Zarizyn: Von hier kamen der berühmte Senf und die „Sarpinka", ein leichter Baumwollstoff, den viele Wolgadörfer als Hausweberei übernahmen. Mühlen, Müllerei und Getreidehandel machten manche Familie wohlhabend; in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachten die Wolgakolonisten Jahr für Jahr Hunderttausende Tonnen Getreide auf den Markt in Saratow.
Ihre Angelegenheiten regelten die Kolonisten weitgehend selbst. An der Spitze jedes Dorfes stand der Schulze, der Vorsteher, mit zwei oder drei Beisitzern; gewählt wurde er von allen Kolonisten, die einen eigenen Hof besaßen. Über den Dörfern wachte die Saratower Kontor, ein 1766 von Katharina II. eingerichtetes Amt, das die Wolgakolonien in Bezirken verwaltete. Die Siedler bildeten einen eigenen Rechtsstand mit weitreichenden Vorrechten – Selbstverwaltung, Deutsch als Amtssprache in den Kolonien, Steuererleichterungen, Religionsfreiheit und Befreiung vom Militärdienst; im Umland nannte man sie schlicht die „freien Leute". Diese Sonderwelt endete mit der Reform von 1871, die den Kolonistenstatus aufhob und die Dörfer der allgemeinen russischen Verwaltung unterstellte; 1874 wurden auch ihre Söhne wehrpflichtig.
Im Mittelpunkt jeder Kolonie stand die Kirche. Die große Mehrheit war evangelisch-lutherisch, es folgten Katholiken, dazu kamen Reformierte und Mennoniten – an der Wolga gehörten rund drei Viertel der Siedler dem evangelischen Glauben an. Schon das Einladungsmanifest von 1763 hatte Religionsfreiheit zugesichert und gezielt Mennoniten und südwestdeutsche Pietisten angezogen; einige gründeten 1765 die Missionskolonie Sarepta, andere zogen nach 1816 in den Transkaukasus bei Tiflis. 1832 fasste ein Gesetz die Lutheraner im ganzen Reich zur „Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland" mit einem Konsistorium in St. Petersburg zusammen; für die Katholiken wurde 1848 das Bistum Tiraspol mit Sitz in Saratow errichtet, das die Gründungsbulle ausdrücklich als „deutsche Diözese" bezeichnete. Neben der Kirche standen im Dorf ein Bethaus und ein Schulhaus, und die Gemeinde bestimmte weithin, was und wie unterrichtet wurde.
Denn Kirche und Schule waren kaum zu trennen. Weil eigene Lehrer und Pfarrer teuer waren, verband man schon früh das Küsteramt mit dem Unterricht – der „Küster-Lehrer" war Schulmeister und Kirchendiener in einer Person. Jungen und Mädchen besuchten die Kirchenschule von etwa sieben bis fünfzehn Jahren, meist von Oktober bis Ostern, und lernten Lesen, Schreiben, Rechnen, den Katechismus, Kirchenlieder und Gebete – vor allem, um zur Konfirmation zugelassen zu werden. So bescheiden das Niveau oft war, es hatte eine große Wirkung: Bei der Volkszählung von 1897 konnte ein weit überdurchschnittlicher Anteil der Deutschen lesen und schreiben, während im Reich insgesamt nur etwa ein Fünftel dazu in der Lage war; am höchsten war die Bildung bei den Mennoniten, in deren Dörfern jede Gemeinde ihre Schule selbst beaufsichtigte. Für den Nachwuchs an Lehrern sorgten ab 1834 zwei Zentralschulen in Katharinenstadt und Grimm. Mit dem Ende der Privilegien aber begann die Russifizierung: 1891 wurde Russisch Pflichtfach, und bald sollte der Unterricht überwiegend auf Russisch gehalten werden.
Das Leben der Familien war reich an Festen, und viele Bräuche brachten die Siedler aus Hessen und der Pfalz mit. Kinderreiche Höfe mit sechs, acht und mehr Kindern galten als Normalfall; das erste Kind wurde nach den Großeltern benannt, das zweite nach den Eltern, und manche Familie trug in die Hausbibel die Namen von vier oder fünf Generationen ein. Am Heiligabend zogen zwei Gestalten von Haus zu Haus: der „Pelznickel", ein Nikolaus im umgedrehten Pelz mit rasselnder Kette und Rute, der die Kinder prüfte, und das weiß gekleidete „Christkindche" mit verhülltem Gesicht, das die Braven beschenkte. Zu Ostern versteckte der Osterhase die Eier, und an der Wolga spielten Alt und Jung das „Eierschuwwele", das Eierrollen. Zu Pfingsten stellten die jungen Männer nachts eine Birke – die „Maie" – an das Tor des Mädchens, um das sie warben, und die Kirchweih, mundartlich die „Kerb", feierte man, wenn die Feldarbeit getan war.
Auch am Tisch blieb die Herkunft lebendig. Als „Nationalgericht" galt der Strudel, gerollter Hefeteig, über Sauerkraut gedämpft; dazu kamen der Riwwelkuche mit Streuseln aus Mehl, Zucker und Butter, die in Fett ausgebackenen Kräppel und samstags die „dünnen Kuchen". Eine Besonderheit der Steppe war die Wassermelone: Auf weiten Feldern, dem „Baschtan", gezogen, kochte man ihren Saft nach der „Kesselmethode" zu einem dunklen, honigartigen Sirup ein, dem „Nardek", mit dem gesüßt und gebacken wurde. Und gesungen wurde viel. Wie reich dieser Schatz war, zeigt die erste weltliche Liedersammlung, die Pastor Johannes Erbes und der Lehrer Peter Sinner 1914 in Saratow herausgaben: „Volkslieder und Kinderreime aus den Wolgakolonien", rund 280 Lieder, Reime und Rätsel, gedruckt zum 150-jährigen Jubiläum der Ansiedlung. Dass sich all dies – Sprache, Glaube, Fest und Lied – über anderthalb Jahrhunderte so gut erhielt, lag an der Abgeschiedenheit der Dörfer und daran, dass man fast nur untereinander heiratete: Die Kolonie war eine Welt für sich, und sie hütete, was sie mitgebracht hatte.