Warum wir fahren, wohin wir fahren
Über das Urlaubsverhalten der Russlanddeutschen – und eine Zahl, die alles erklärt
Wer im Sommer an der kroatischen Adria unterwegs ist, hört russische Sprache. Auf den Campingplätzen bei Zadar, in den Apartments auf Krk, an den Kiesstränden der Makarska-Riviera. Wer selbst aus einer russlanddeutschen Familie kommt, kennt das Bild: drei Generationen in zwei Autos, Kühlbox im Kofferraum, zwei Wochen Selbstverpflegung.
Die Frage liegt nahe: Woher kommt das? Gibt es eine Linie, die von Kasachstan, von der Wolga, von der Krim bis an die Adria führt?
Ich habe das ernsthaft geprüft. Das Ergebnis ist ein anderes, als ich erwartet hatte – und ein interessanteres.
## Die Zahl
Es gibt genau eine Studie, die dem Thema nahekommt: eine Auswertung der Reiseanalyse durch das Bayerische Zentrum für Tourismus aus dem Jahr 2020. Sie untersucht, wohin Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland in den Urlaub fahren. Vier Herkunftsländer waren mit ausreichender Fallzahl vertreten. Der Vergleich sieht so aus:
| Herkunftsland | Haupturlaubsreise ins Herkunftsland | |---|---| | Italien | 77,7 Prozent | | Türkei | 73,2 Prozent | | Polen | gut 40 Prozent | | Russland | 24,2 Prozent |
Italiener und Türken in Deutschland fahren im Urlaub nach Hause. Drei von vier. Bei den Russischsprachigen ist es nur einer von vier – mit weitem Abstand der niedrigste Wert.
Das ist keine Kleinigkeit. Das ist der ganze Unterschied.
## Der Grund liegt in der Geschichte, nicht im Reiseverhalten
Die naheliegende Erklärung ist keine touristische, sondern eine historische: Türkische und italienische Zuwanderung nach Deutschland war Arbeitsmigration. Einer ging, die Familie blieb. Es gibt ein Dorf, eine Mutter, ein Haus – und damit eine Pflicht, jedes Jahr wiederzukommen.
Die russlanddeutsche Aussiedlung war etwas anderes. Sie war Familienauswanderung. Von 1950 bis 2023 kamen 2.424.389 Aussiedler und Familienangehörige aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland; seit 1992 allein 935.000 aus Kasachstan und 712.000 aus Russland. Heute leben rund 2,7 Millionen Spätaussiedler und Angehörige hier. Die Großeltern sind mitgekommen. Die Geschwister sind mitgekommen. Die Cousins auch.
Und die Orte, aus denen die Familien ursprünglich stammten, gibt es in diesem Sinn nicht mehr. Die Volkszählung von 1959 zeigt es mit erschreckender Klarheit: Im Gebiet Saratow lebten noch 3.379 Deutsche, im Gebiet Stalingrad 7.473 – in der Region Altai dagegen 143.074, im Gebiet Omsk 105.728. Das alte Wolgasiedlungsgebiet war nach der Deportation von 1941 leer. Helenendorf im Kaukasus, 1819 von 127 schwäbischen Familien gegründet, heißt heute Göygöl. Von den 51.299 Krimdeutschen der Volkszählung 1939 blieb niemand.
Wer keinen Ort hat, an den er zurückkehren muss, wählt seinen Urlaub frei. Das ist die Antwort.
## Was frei gewählt wird
Und was wählt eine russlanddeutsche Familie, wenn sie frei wählen kann? Etwas, das zur Familie passt. Viel Platz, eigenes Auto, eigene Küche, lange bleiben.
Genau das ist Kroatien. Die Zahlen sind eindeutig: Von den Übernachtungen deutscher Gäste in Kroatien entfielen 2023 rund 46 Prozent auf Privatunterkünfte und rund 37 Prozent auf Campingplätze – aber nur rund 11 Prozent auf Hotels. 82 Prozent aller ausländischen Gäste reisen mit dem eigenen Pkw an. Deutschland ist Kroatiens größter Auslandsmarkt: 3,04 Millionen Ankünfte und 21,03 Millionen Übernachtungen im Jahr 2025, ein Viertel aller ausländischen Übernachtungen im Land.
Dazu passt ein zweiter Befund aus derselben Studie: Menschen mit Migrationshintergrund machen deutlich längere Urlaube. 32 Prozent von ihnen bleiben 16 bis 29 Tage – gegenüber 15 Prozent bei Menschen ohne Migrationshintergrund.
## Und jetzt der ehrliche Teil
Man könnte hier eine schöne Linie ziehen: von den sowjetischen Sommern am Schwarzen Meer direkt an die Adria. Diese Linie gibt es nicht.
Jugoslawien war für Sowjetbürger praktisch geschlossen. 1956 besuchten ganze 652 sowjetische Touristen das Land. In den 1980er Jahren waren es im Jahresdurchschnitt 67.200 – gegenüber 247.900, die nach Bulgarien fuhren. Jugoslawien war nach dem Bruch mit Stalin 1948 blockfrei und hatte offene Grenzen nach Westen; wer dorthin wollte, wurde wegen Fluchtgefahr besonders scharf geprüft. DDR-Bürgern war das Land von Ende der 1960er bis 1974 sogar ganz verboten.
Die Adria war zur selben Zeit ein westdeutsches Massenziel. Schon 1966 kamen 658.000 der 3,4 Millionen Auslandstouristen in Jugoslawien aus der Bundesrepublik – die mit Abstand größte Gruppe.
Wer heute als Russlanddeutscher nach Kroatien fährt, setzt also keine Familientradition fort. Er tut etwas, das seinen Eltern und Großeltern verwehrt war.
## Was doch geblieben ist
Eine andere Linie hält dagegen stand – nicht beim Ziel, sondern beim Format.
Der sowjetische Massenurlaub lief überwiegend außerhalb des staatlichen Systems ab. Zwar wuchs die Zahl der Urlauber in Sanatorien und Erholungsheimen von 3,7 Millionen (1950) auf 16,8 Millionen (1970) – aber eine Putjowka bekam ein Gewerkschaftsmitglied im Schnitt nur alle zehn Jahre. Die Mehrheit fuhr auf eigene Faust: In der Region Krasnodar standen 1961 rund 170.000 Urlauber mit Zuteilung 1,5 Millionen ohne gegenüber. Auf der Krim waren 1988 von 8,3 Millionen Besuchern 6,2 Millionen unorganisiert unterwegs. Privatzimmer, Selbstverpflegung, eigene Anreise, drei bis vier Wochen.
Das ist strukturell derselbe Urlaub wie ein Apartment in Dalmatien. Ob das eine das andere erklärt, hat allerdings nie jemand untersucht. Es ist eine Deutung, keine belegte Ursache – und als solche soll sie hier auch stehen.
## Wo der russischsprachige Bezug wirklich sichtbar ist
Nicht in Kroatien, sondern in der Türkei. Dort ist Russland seit Jahren der größte Quellmarkt, noch vor Deutschland: 2025 kamen 6,90 Millionen russische und 6,75 Millionen deutsche Besucher. In Antalya allein waren es 3,97 Millionen Russen gegenüber 3,53 Millionen Deutschen. Die Infrastruktur dort ist russischsprachig eingerichtet – Personal, Beschilderung, Speisekarten.
Wer als russlanddeutsche Familie nach Antalya fliegt, findet dort etwas, das er in Spanien nicht findet. In Spanien, wohin 2025 rund 12 Millionen Deutsche reisten, übernachten 69 Prozent im Hotel. In Italien, dem Land mit den meisten deutschen Übernachtungen überhaupt (65,3 Millionen im Jahr 2024), entfallen 29 Prozent der deutschen Übernachtungen auf Campingplätze und Feriendörfer.
## Was wir nicht wissen
Zum Schluss das, was in solchen Texten meistens fehlt.
Es gibt keine Statistik, die Spätaussiedler als Reisendengruppe erfasst. Keine Studie unterscheidet das Urlaubsverhalten nach Herkunftsregion – nicht nach Wolga, Krim, Kaukasus oder Kasachstan. Auch Kasachstan als Herkunftsland taucht in der zitierten Auswertung nicht auf, obwohl es das größte Herkunftsland der Spätaussiedler ist; die Fallzahl war zu klein. Die Kategorie heißt schlicht "Russland" und meint das Zuzugsland, nicht die Familiengeschichte.
Wer also behauptet, Wolgadeutsche führen anders in den Urlaub als Kaukasusdeutsche, erfindet das. Es gibt dazu keine Daten. Und es wird sie vermutlich nie geben – weil die Deportation von 1941 die alten Herkunftsregionen ohnehin überschrieben hat. Ein Wolgadeutscher wurde 1941 zum Kasachstandeutschen.
Was die Herkunft heute sehr wohl entscheidet, ist etwas anderes: ob die alte Heimat überhaupt erreichbar ist. Wer aus Kasachstan stammt, fliegt von Frankfurt in rund sieben Stunden nach Almaty oder Astana, visumfrei, ohne Reisewarnung. Wer aus Russland stammt, findet seit 2022 keine Direktflüge mehr, braucht ein Visum und muss als Doppelstaatler mit dem Risiko einer Einberufung rechnen.
Zwei Gruppen, eine Geschichte, zwei völlig verschiedene Gegenwarten.
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## Quellen
- Cathrin Schiemenz: Das Reiseverhalten von Personen mit Migrationshintergrund. Bayerisches Zentrum für Tourismus, 2020 (Datenbasis: FUR Reiseanalyse 2019). bzt.bayern/reiseverhalten-migrationshintergrund - Bund der Vertriebenen: Aktuelle Aussiedlerstatistik (Daten des Bundesverwaltungsamts). www.bund-der-vertriebenen.de/fakten/spaetaussie… - Bundeszentrale für politische Bildung: (Spät-)Aussiedler. Zahlen und Fakten zur sozialen Situation in Deutschland. www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale… - Mediendienst Integration: Wie viele postsowjetische Migranten leben in Deutschland? (Datenbasis Mikrozensus 2024). mediendienst-integration.de/bevoelkerung/postso… - ome-lexikon, Universität Oldenburg: Wolgadeutsche ASSR, Krim, Kasachstan, Helenendorf. ome-lexikon.uni-oldenburg.de - Kroatisches Statistikamt (DZS): Tourist Arrivals and Nights in Commercial Accommodation 2024 und 2025. podaci.dzs.hr - Kroatische Zentrale für Tourismus (HTZ): Turizam u brojkama 2023 sowie Marktprofil Deutschland, Ausgabe 2025. www.htz.hr - TOMAS Hrvatska 2022/2023, Institut za turizam im Auftrag der HTZ (Befragung, n = 14.632). www.htz.hr/sites/default/files/2023-12/TOMAS%20…
- Auswärtiges Amt: Reise- und Sicherheitshinweise Russische Föderation und Kasachstan, Stand 5. August 2026. www.auswaertiges-amt.de
